Berichterstattung 2019

Künstliche Intelligenz soll demografischen Wandel erleichtern

gesundheitsstadt-berlin.de, 10.09.2019

Künstliche Intelligenz (KI) wird unser Leben transformieren und tut es schon längst. Darin waren sich Experten auf dem Demografiekongress 2019 einig. In Zukunft sollen Assistenzsysteme und Roboter verstärkt Ärzte und Pflegende unterstützen und damit auch den demografischen Wandel erleichtern.

Künstliche Intelligenz, Assistenzroboter, Pflegeroboter, KI Sogenannte Assistenzroboter können Menschen helfen, ein selbstbestimmtes Leben zu führen Pflegerobotik, medizinische Diagnosen, Assistenzsysteme für zu Hause, mobile Rehabilitation – Die Liste der möglichen Anwendungen für Künstliche Intelligenz in der Medizin und der Pflege ist lang. Und viele Anwendungen sind bereits Realität, wie Experten auf dem diesjährigen Demografiekongress in Berlin betonten. Künstliche Intelligenz solle dabei niemanden ersetzen, sondern die Menschen unterstützen. Das erklärte Prof. Dr. Sami Haddadin von der TU München auf dem Kongress. „KI ist ein Werkzeug, das uns helfen soll“, fasste der Experte für Robotik und Systemintelligenz zusammen. KI könne dabei auch den demografischen Wandel erleichtern und ältere Menschen in ihrem Alltag unterstützen. Doch nicht selten werde KI noch als etwas Bedrohliches wahrgenommen, wie Dr. Norbert Reithinger vom Deutschen Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz (DFKI) betonte. Dabei seien KI-basierte Systeme jetzt schon ein großer Teil unseres Alltags. „In jedem Handy steckt auch KI“, so Reithinger.

Anwendungsmöglichkeiten von Künstlicher Intelligenz sind groß

Es ist also nicht nur der vielbesprochene Pflegeroboter, durch den Künstliche Intelligenz im Gesundheitswesen zur Anwendung kommt. KI kann auf verschiedene andere Weise dazu beitragen, Ärzte, Pflegende und Patienten zu unterstützen. So kann KI neben sogenannten Smart-Home-Systemen auch die Mobilität und Kommunikation verbessern, die Rehabilitation zu Hause unterstützen sowie den Wissenstransfer erleichtern. Auch medizinische Anwendungen sind bereits Realität. Hier trägt KI beispielsweise dazu bei, das Risiko für einen plötzlichen Herztod zu bestimmen und andere Erkrankungen frühzeitig zu erkennen.

Roboter: Sensomotorische Fähigkeiten sind besondere Hausforderung

Die sogenannte verkörperlichte KI - der Roboter - wird aller Voraussicht nach allerdings eine immer wichtigere Rolle spielen. Die physische Aktion von KI zu koordinieren, ist dabei eine ganz besondere Herausforderung, wie Prof. Haddadin betonte. Besonders wichtig seien dabei die sensomotorischen Fähigkeiten der Roboter. Vor allem wenn sie direkt am Menschen arbeiteten, müsse die Anwendung der Roboter „sicher und feinfühlig“ sein, das heißt, sie müssen unter anderem auf menschliche Bewegungen reagieren können. Dies sei bereits möglich, so Haddadin. In der Entwicklung befinden sich auch viele weitere Anwendungen von Künstlicher Intelligenz, wie beispielsweise die Herstellung von sogenannten „digitalen Zwillingen“, die unter anderem zur Diagnose herangezogen werden können, oder von chirurgischen Assistenten.

Beim Transfer in die Anwendung hinkt Deutschland hinterher

Nicht nur Künstliche Intelligenz, sondern auch die generelle Digitalisierung des Gesundheitswesens soll das Leben der Menschen erleichtern und die Gesundheitsversorgung verbessern. „Fachkräftemangel, Digitalisierung und demografischer Wandel hängen zusammen“, betonte auch Ulf Fink, Senator a.D. und Kongresspräsident. Und Thomas Rachel, MdB und Staatssekretär am Bundesministerium für Forschung und Bildung, bestätigte: „Künstliche Intelligenz wird ein Treiber von Veränderungen sein“. Deutschland sei darin auf einem guten Weg, vor allem in der Grundlagenforschung. Beim Transfer in die Anwendung bestehe allerdings noch Verbesserungsbedarf.

KI ohne große Datenmengen nicht möglich

Dies sei ein generelles Problem bei der Digitalisierung, erklärte Prof. Dr. Sylvia Thun, Direktorin eHealth und Interoperabilität vom Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH). In Deutschland seien nach wie vor viele Barrieren vorhanden, die es in anderen Ländern nicht gebe. Dazu gehöre auch eine besonders strenge Auffassung von Datenschutz. Auch Haddadin betonte, dass bei aller Bedeutung des Datenschutzes und anderer ethischer Überlegungen KI-basierte Systeme erst zur Anwendung kommen können, wenn ausreichend gesundheitsbezogene Daten vorhanden seien: „Diese Daten müssen irgendwo gesammelt und bereitgestellt werden. Und je mehr, desto besser.“ Ob dabei ein besonderes Datenschutzsiegel auch zu Wettbewerbsvorteilen führen könne, blieb in der Diskussion offen.

Autorin: Anne Volkmann

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Ernährung und Gesundheit: Vieles ist noch unbewiesen

gesundheitsstadt-berlin.de, 11.09.2019

Wie eine optimale Ernährung für ein langes und gesundes Leben aussehen sollte, ist längst nicht geklärt. Das wurde auf dem Demografiekongress in Berlin deutlich. Doch eine Erkenntnis zeichnet sich immer deutlicher ab: Eine stark pflanzlich basierte Kost ist tierischen Lebensmitteln vorzuziehen – aus verschiedenen Gründen. gesunde Ernährung Was macht eine gesunde Ernährung aus? Darüber wurde auf dem diesjährigen Demografiekongress diskutiert.

Fragen der Ernährung werden oft besonders nachdrücklich, nicht selten aggressiv diskutiert. Die „richtige“ Ernährung wird dabei mittlerweile von vielen Menschen als eine Art Allheilmittel für verschiedenste Erkrankungen betrachtet. Dabei sind gerade hier viele Fragen noch offen, wie Experten auf dem diesjährigen Demografiekongress erklärten. Auch werde den individuellen Bedürfnissen oft nicht genug Beachtung geschenkt. Dennoch gibt es einige allgemeine Regeln, die als mehr oder weniger „gefestigt“ gelten. Und die neuere Forschung zeigt in eine klare Richtung: Eine Ernährung, die pflanzlichen Lebensmitteln vor tierischen den Vorzug gibt, hat viele gesundheitliche Vorteile.

Mehr Ballaststoffe, weniger Zucker – darin ist man sich einig

Als nahezu unbestritten gelten heute nur einige wenige Grundregeln, erklärte Prof. Dr. Tilman Grune vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke (DifE). Dazu gehöre, dass wir mehr Ballaststoffe und weniger Zucker zu uns nehmen sollten. Insbesondere den Ballaststoffen komme einigen Studien zufolge eine große Bedeutung bei der Prävention verschiedener Erkrankungen zu. Zudem sollte eine gesunde Ernährung abwechslungsreich und energiebewusst sein. Geändert hat sich in den vergangenen Jahren die Einschätzung des gesundheitlichen Wertes von Fetten. Während früher eine fettarme Kost als gesundheitsfördernd angesehen wurde, werden Fette heute positiver gesehen. Allerdings wird dabei den ungesättigten Fettsäuren der klare Vorzug vor den gesättigten gegeben. Gleichzeitig wird häufiger dazu geraten, Kohlehydrate einzusparen. Als problematisch bezeichnete Grune bestimmte Ernährungstrends wie den zur glutenarmen Ernährung. Diese liefere in der Regel zu wenig Ballaststoffe. Es gebe auch schon erste Hinweise darauf, dass sie die Sterblichkeit aufgrund von Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhe.

Ernährung längst nicht nur eine Frage der Gesundheit

Ob eine gesunde Ernährung überwiegend oder sogar ausschließlich auf pflanzlicher Basis beruhen sollte, darin waren sich die Experten auf dem Demografiekongress nicht ganz einig. Obwohl nach Angaben von Grune neue Untersuchungen des DifE zum Beispiel die krebsfördernde Wirkung von Fleischkonsum nicht bestätigen konnten, erweise sich eine Ernährung, die auf pflanzlichen Proteinen beruhe, immer mehr als positiv für die Gesundheit insgesamt. Insbesondere die Frage des Fleischkonsums könne heute zudem nicht mehr unabhängig von ethischen und ökologischen Fragen diskutiert werden, betonte Prof. Dr. Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus in Berlin. Die Frage „Wie können wir uns ernähren, ohne unseren Planeten zu zerstören““ werde dabei immer dringlicher werden.

Ernährung doch wichtiger als Bewegung?

Auch wie hoch der Stellenwert der Ernährung für unsere Gesundheit und unsere Lebensdauer ist, wird in Expertenkreisen heiß diskutiert. Den größten Einfluss habe die Ernährung vermutlich auf Diabetes mellitus, erklärte Michalsen. Aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen ließen sich durch eine entsprechende Ernährung beeinflussen – zum Teil so stark, dass auf Medikamente verzichtet werden könne. Bei der Abwägung, ob Bewegung oder Ernährung die Gesundheit stärker beeinflusst, gebe möglicherweise eine Paradigmenwechsel, so der Experte für Naturheilkunde. Möglichweise, so Michalsen, sei die Ernährung für die Gesundheit wichtiger als Bewegung – allerdings sei die Studienlage hierzu noch nicht ganz eindeutig. Und Grune ergänzte: „Der gesundheitliche Effekt von Bewegung stellt sich schon auf einem sehr viel niedrigeren Niveau ein als viele denken. Eine moderate Bewegung reicht dafür aus. Dafür muss man nicht besonders sportlich sein.“

Autor: Anne Volkmann

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Exoskelette: Hoffnung für Gelähmte und Schlaganfallpatienten

gesundheitsstadt-berlin.de, 8.9.2019

Exoskelette können enormes bewirken. Schlaganfallpatienten lernen wieder zu greifen und Gelähmte wieder ein paar Schritte zu gehen. Doch die Hilfsmittel finden noch keine breite Anwendung. Die Datenlage ist insgesamt dünn.

Mit den Gedanken die Beine oder Hände steuern: Was bei Gesunden völlig unbewusst und selbstverständlich passiert, ist bei Menschen mit Lähmungen nicht mehr möglich. Oder doch? Die WM 2014 in Brasilien hat der Welt gezeigt, wozu Neurotechnologien in der Lage sind. Ein Querschnittsgelähmter machte den Anschuss – dank eines Exoskeletts. Die Mensch-Maschine-Schnittstelle übersetzte seine Gedanken in Bewegung.

Bereits 1999 hatte ein komplett gelähmter Mann nur mit Hilfe seiner Gedanken einen Brief getippt. Hans-Peter Salzmann war an eine sogenannte Computer-Hirn-Schnittstelle (Brain-Computer-Interface BCI) angeschlossen. Über seinen Fall gab es einen langen Artikel im Wissenschaftsmagazin „Nature“.

Training mit Exoskelett nur auf Antrag

Seither sind 20 Jahre ins Land gegangen und die Medizin hat sich rasant weiter entwickelt. Exoskelette werden heute zunehmend an Arbeitsplätzen eingesetzt, um Menschen bei schwerer Arbeit zu unterstützen. Die Deutsche Post etwa macht davon Gebrauch. In der Medizin bzw. Rehabilitation sind es bislang immer noch Einzelfallentscheidungen der Krankenkassen und Berufsgenossenschaften, ob Querschnittsgelähmte mit Hilfe von Exoskeletten trainieren dürfen. Im häuslichen Umfeld kommen die Hilfsmittel noch gar nicht zum Einsatz.

Querschnittsgelähmte stehen wieder auf

„Es gibt bislang nur wenige hoch-qualitative Studien“, erklärte Dr. Emre Yilmaz von der Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil am Freitag auf dem Demografiekongress in Berlin. Vergleichende Studien mit Physiotherapie gebe es gar keine. Die (wenigen) vorliegenden Forschungsergebnisse seien jedoch vielversprechend. Eine von Yilman durchgeführte Untersuchung in der Rehabilitation von 120 akut oder chronischen Querschnittsverletzten mit dem Exoskelett HAL konnte zeigen, dass alle Probanden ihre Mobilität verbessern konnten. Es gab auch keine größeren Komplikationen wie etwa Hautabschürfungen. „Wir konnten bei allen Patienten eine Steigerung der Ausdauer und Geschwindigkeit beobachten, auch ohne Exoskelett“, fasste Yilmaz das vielversprechende Ergebnis zusammen.

"Habe mir mehr erwartet"

Dennoch waren offenbar nicht alle Patienten mit dem Ergebnis zufrieden. Eine junge Patientin, die die größten Fortschritte gemacht hatte, habe sogar von einer schlechteren Lebensqualität berichtet „Sie wollte wieder tanzen gehen und hatte sich mehr erwartet“, erzählte der Unfallchirurg. Computer-Hirn-Schnittstellen funktionieren auch bei Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose (MS) und Schlaganfall.

Neural-gesteuertes Hand-Exoskelett für Schlaganfallpatienten

Surjo Soekadar, Einstein Professor für Klinische Neurotechnologie an der Charité, hat speziell für halbseitig gelähmte Schlaganfallpatienten ein neural-gesteuertes Hand-Exoskelett entwickelt. Neural gesteuert bedeutet: Der Patient denkt, dass er die Hand bewegen möchte – und durch Elektroden auf dem Kopf wird dieser Gedanke in tatsächliche Bewegung übertragen. Dadurch lernen selbst Patienten, die keinerlei Restfunktion mehr in der Hand haben, wieder zu greifen. Verblüffend ist, dass dieser Effekt nachhaltig ist, also die Bewegung auch ohne das Exoskelett erhalten bleibt. Das Gehirn ist offenbar sehr lernfähig, wenn es entsprechend trainiert wird.

Gelähmte Hand schneidet Gurken

„Die regelmäßige Verwendung eines BCI kann zu einer funktionellen und strukturellen Neuroplastizität führen“, erläuterte Soekadar den Therapieerfolg. Dadurch könnten verlorengegangenen Funktionen wiederhergestellt werden. „Das ist eine enorme Verbesserung der Lebensqualität“, so der Neurowissenschaftler. In seiner Präsentation zeigte er eine halbseitig gelähmte Schlaganfallpatientin beim Gurkenschneiden. Allerdings funktioniere die mit Gedankenkraft gesteuerte neue Hand nicht bei allen Patienten. „Wir sind dabei herauszufinden, was den Unterschied macht.“ Möglicherweise hinge der Erfolg von den noch vorhandenen Nervenfasern ab, aber vermutlich spielten auch psychosoziale Faktoren wie der persönliche Leidensdruck eine Rolle.

Experten sehen große Potenziale

Wie auch Exoskelette für die unteren Extremitäten sind auch die neuen Hände der Charité-Forscher augenblicklich nur in Kliniken im Einsatz. In naher Zukunft würden sie aber auch in den Alltag integriert werden, ist Soekadar überzeugt. BCIs, so das Fazit der Experten, haben große Potenziale für Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen und Lähmungen. Die psychologische Komponente sei dabei nicht zu unterschätzen, wenn zum Beispiel ein Querschnittsgelähmter aus dem Rollstuhl aufstehen oder eine halbseitig gelähmte Schlaganfallpatientin wieder die Hand bewegen könne. Angesichts der demografischen Entwicklung werde der Bedarf weiter wachsen, hieß es. Allerdings seien mehr Studien notwendig, um den Nutzen der vielversprechenden Hilfsmittel in der Breite zu zeigen.

Autorin: Beatrice Hamberger

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Beatmungsmediziner: Nicht alles schlecht an der Intensivpflege Reform

gesundheitsstadt-berlin.de, 7.9.2019

Spahns Intensivpflegereform hat einen Sturm der Entrüstung in der Branche und bei Betroffenen ausgelöst. Ein Beatmungsmediziner sieht das neue Gesetz auch kritisch. Doch es habe auch positive Aspekte.

Früher hieß es Heimbeatmung, heute heißt es außerklinische Intensivpflege. Gemeint ist, dass Menschen dauerhaft künstlich beatmet werden müssen. Das geschieht entweder zu Hause, in einer Intensivpflege WG oder in stationären Einrichtungen. Ungerecht an der bisherigen Regelung ist, dass vollstationäre Patienten bis zu 3.000 Euro im Monat dazuzahlen müssen, während die Sozialkassen im ambulanten Bereich 100 Prozent finanzieren. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will das und anderes nun mit seinem Referentenentwurf für ein „Gesetz zur Stärkung von Rehabilitation und intensivpflegerischer Versorgung in der gesetzlichen Krankenversicherung“ ändern.

Ambulante Beatmung nur noch in Ausnahmefällen


Vorgesehen ist unter anderem eine Angleichung der Finanzierung, das heißt der Eigenanteil für stationäre Patienten soll spürbar sinken. Aber: Eine Heimbeatmung soll es nur noch in Ausnahmefällen geben. Während Spahn höhere Qualitätsstandards verspricht, fürchten Betroffene, sie könnten gegen ihren Willen ins Heim abgeschoben werden.

Zudem sehen sich Pflegedienstanbieter kriminalisiert, weil ihnen mangelnde Qualität und Abrechnungsbetrug unterstellt wird. Spahn spricht von „Fehlanreizen“. Immerhin zahlen die Kassen für eine 1:1 Betreuung von außerklinischen Intensivpatienten 25.000 bis 30.000 Euro im Monat. Da wurde in der Vergangenheit schon mal der eine oder andere Patient, als kränker deklariert, als er ist. Einige Fälle sind aufgeflogen.

Schwarze Schafe gibt es überall

Ja, es gebe schwarze Schafe in der Branche, bestätigte Dr. Martin Bachmann Beatmungsmediziner am Asklepios Klinikum Harburg und Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Beatmungsmedizin am Freitag im Rahmen des Demografiekongresses in Berlin. „Aber wir können ja auch nicht das Autofahren verbieten, nur weil es ein paar Raser gibt.“

Insgesamt hält der Experte den Referententwurf für zu wenig an den Bedarfen der Patienten orientiert und für zu wenig differenziert. „Durch die quasi Abschaffung der 1:1 Versorgung gibt das Gesetz keine Perspektive für Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben“, kritisierte der Mediziner. Zudem seien Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen überhaupt nicht erwähnt. „Das geht völlig an der Realität vorbei.“

Doch der Beatmungsmediziner findet nicht alles schlecht an Spahns Intensivpflegereform: Positiv seien die gerechtere Finanzierung und die Stärkung der Reha- und Weaningeinrichtungen. „Es wurde immerhin erkannt, dass es einen großen Änderungsbedarf gibt“, sagte Bachmann.

Momentan ist es so, dass 85 Prozent der außerklinischen Beatmungspatienten direkt von der Akut-Intensivstation entlassen werden – meist viel zu früh. Eine Chance das selbstständige Atmen wiederzuerlernen hatten sie nicht bzw. nicht die Zeit dafür, da die Verweildauer im Krankenhaus immer kürzer wird.

Nach Spahns Entwurf soll künftig mehr für die Entwöhnung, das sogenannte Weaning unternommen werden. Fachärzte sind gehalten das Entwöhnungspotenzial zu erheben und dokumentieren.

„Müssen auch fragen, ob die Patienten das wollen“

Bachmann findet das immer wieder Hinterfragen enorm wichtig. Da werde viel versäumt. Patienten hingen oft jahrelang an der künstlichen Beatmung, obwohl sie Weaningpotenzial hätten. Andere wollten lieber sterben. Die Lebensqualität vieler Betroffener sei extrem schlecht, ein großer Anteil leide an Depressionen, stellte der Experte fest. „Wir müssen auch immer wieder fragen, ob die Patienten das noch wollen.“

Die Zahl der außerklinischen Beatmungspatienten ist seit 2005 explodiert von damals 1.000 auf heute 30.000 Patienten. Die Gründe hierfür hängen einerseits mit den neuen technischen Möglichkeiten der Heimbeatmung zusammen und andererseits mit dem demografischen Wandel. Ein weiterer Grund ist, dass immer mehr alte und multimorbide Menschen noch operiert werden - zum Beispiel ein neues Hüftgelenk erhalten - und anschließend nicht mehr selbstständig atmen können, weil es Komplikationen gab, etwa eine Lungenentzündung. „Die medizinischen Möglichkeiten werden extensiv ausgereizt, aber wurden die Patienten auch über die Risiken aufgeklärt?“, fragte Bachmann rhetorisch. Würden die Patienten ausreichend aufgeklärt, würden sich vermutlich viele dagegen entscheiden, meinte er.

Zahl der Beatmungspatienten explodiert

Den größten Anteil der außerklinischen Beatmungspatienten stellen heute Menschen, die von einer Intensivstation entlassen werden und bei denen eine Beatmungsentwöhnung fehlgeschlagen ist. Zudem wächst der Anteil der Patienten mit Trachealkanüle, die rund um die Uhr betreut werden müssen, etwa COPD-Patienten. Die drittgrößte Gruppe sind Menschen mit neuromuskulären Erkrankungen wie ALS oder einer Querschnittslähmung. In diese Gruppe gehören vorwiegend jüngere Menschen. Jedes Jahr werden 165.000 Menschen beatmungspflichtig, weil sie alt sind, krank sind oder einen Unfall hatten.

Für die 1:1 Betreuung zu Hause, die Spahn jetzt kappen will, sind pro Patient und Tag 5,6 Pflegekräfte nötig. Angesichts des Pflegefachkräftemangels und des wachsenden Bedarfs, kommt Spahns Gesetzesentwurf bei Kassenvertreten gut an. Dass jetzt bundesweit einheitliche Strukturen geschaffen würden und die Beatmungsentwöhnung gestärkt werde, sei der richtige Weg, meinte Dietmar Frings von der AOK Rheinland/Hamburg auf dem Demografiekongress. „Diesen Ansatz begrüßen wir.“

Autorin: Beatrice Hamberger

 

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