Eröffnungsrede zum Demografiekongress 2018 von Ulf Fink, Senator a.D., Kongresspräsident



Meine Damen und Herren,

der Demografiekongress findet nunmehr zum neunten Mal statt; wir erwarten mehr als 800 Teilnehmer und 156 hochkarätige Referenten. Der Kongress gliedert sich in fünf inhaltliche Bereiche: Wohnen & Selbständigkeit, Arbeitswelt & Gesundes Altern, Digitalisierung & Weiterbildung, Pflege & Medizin sowie Kommunale Gestaltung.
Diese fünf Schwerpunkte sind aus unserer Sicht die wesentlichen Felder, die im Rahmen der Demografiepolitik zu gestalten sind. Ich möchte kurz auf die Herausforderungen mit Blick auf die demografische Entwicklung in diesen fünf Feldern eingehen.

1. Wohnen & Selbständigkeit

Ein selbstbestimmtes und selbständiges Leben bis ins hohe Alter erfordert Anpassungen im Wohnraum. Es gibt viel zu wenige barrierearme Wohnungen in Deutschland – besonders im Wohnungsbestand. Zwar wird der Umbau öffentlich gefördert, aber gemessen an der Zahl der notwendigen Wohnungen müssen wir hier besser werden. Wir brauchen vor allem kostengünstige Lösungen, die für Mieter mit durchschnittlichen Einkommen finanzierbar sind.
Eine große Zukunftsaufgabe sind intelligente Wohnungen. Ohne Intelligenz – neudeutsch smart – ist eine Wohnung für ältere Menschen ein Sicherheitsrisiko. Worauf bezieht sich das? Zunächst auf Sicherheitsaspekte wie automatische Herdabschaltung oder selbständig schließenden Fenster. Das eigentliche Sicherheitsrisiko liegt aber nach meiner Überzeugung im Gesundheitsbereich. Wir sind schlecht im Management chronischer Erkrankungen, die ganz überwiegend altersbedingt sind, wie beispielsweise Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mittels Telemedizin können wir hier viel besser werden. Gewicht, Puls, EKG auch Blutwerte – das kann alles zu Hause ermittelt und dem behandelnden Arzt übermittelt werden. Notfälle können dann besser rechtzeitig erkannt und vor allem auch automatisch übermittelt werden. Es ist gut, dass die Bundesärztekammer den Weg für die Telemedizin endlich frei gemacht hat.

2. Arbeitswelt und Gesundes Altern

Wir haben keine humane Arbeitswelt. Die Arbeit ist viel zu häufig Auslöser für Erkrankungen. 30 Prozent der Pflegekräfte, so eine aktuelle Umfrage, gaben an, an der Leistungsgrenze zu arbeiten. Menschen, die wir dringend brauchen, und wo wir alles dafür tun müssen, dass sie möglichst lange ihren Beruf mit Freude ausüben. Und immer noch erhalten rund 170.000 Menschen pro Jahr eine Rente wegen Erwerbsminderung – sehr häufig auf Grund psychischer Erkrankungen. Zutreffend ist aber auch, dass immer mehr Menschen in Deutschland lange arbeiten – sogar über das Renteneintrittsalter hinaus. Es bestätigt sich, dass die zahlreichen Projekte zur betrieblichen Gesundheitsförderung Wirkung zeigen. Auch die Tarifvertragsparteien unterstützen etwa mit dem Demografievertrag in der Chemiebranche die Gesundheitsförderung. Der Partner dieses Kongress, Procuratio ist hier mit dem Angebot ProFit aktiv.
Dennoch haben wir im internationalen Vergleich nicht die höchsten Beschäftigungsquoten von älteren Menschen. In Schweden beispielsweise arbeiten rund sieben Prozent mehr Menschen im Alter zwischen 55 und 65 Jahren. Ich finde, wir müssen hier besser werden. Zentral ist dabei die betriebliche Gesundheitsförderung. Zwar haben wir ein Präventionsgesetz, doch im Vergleich zur kurativen Medizin wird viel zu wenig Geld in die Gesundheitsförderung investiert. Ich finde, dies muss sich ändern. Beispielsweise trinken wir in Deutschland im Durchschnitt pro Jahr 11 Liter reinen Alkohol pro Kopf – so die jüngsten Zahlen der WHO. Das ist mehr als in Russland. Auf das Thema Übergewicht und die Diabetesepidemie in Deutschland möchte ich nur hinweisen. Meine Damen und Herren: Gerade mit Blick auf die Arbeitswelt und die Notwendigkeit, alles dafür zu tun, dass die Beschäftigten lange gesund bleiben, müssen wir hier besser werden.

3. Digitalisierung und Weiterbildung

Nach einer aktuellen Studie des Weltwirtschaftsforums sollen bis zum Jahre 2025 mehr Aufgaben von Robotern erledigt werden als von Menschen. Werden heute noch 71 Prozent aller Arbeitsstunden von Menschen erledigt, sollen es 2025 nur noch 48 Prozent sein. 52 Prozent erledigen Roboter und Algorithmen – unterstützt durch künstliche Intelligenz. Millionen Arbeitsplätze werden wegfallen, aber ebenso viele neue Arbeitsplätze entstehen. Die neuen Arbeitsplätze erfordern häufig andere Qualifikationen – Digitalisierungskompetenz ist im weitesten Sinne erforderlich. Auch die heute 50-jährigen und Älteren werden diesen Trend zur Digitalisierung mitgehen müssen. Der Weiterbildung kommt mindestens die Bedeutung der beruflichen Erstausbildung zu. Wir sind mehrfachgefordert: Schaffung humanerer Arbeitsbedingungen bei gleichzeitig großen Weiterbildungsnotwendigkeiten. Wir werden uns mit diesem Thema bei den kommenden Demografiekongressen wie schon in diesem Jahr intensiv befassen.

4. Pflege und Medizin

Robotik und Assistenzsysteme können helfen, den Fachkräftemangel im Gesundheitsbereich abzumildern. Bald werden Roboter, die zu Hause zahlreiche Assistenzaufgaben übernehmen, finanziell erschwinglich sein. Berits heute werden Preise von 10.000 Euro angestrebt und in einem Massenmarkt weiter fallen. Früher hatte fast niemand einen Butler, aber zukünftig werden viele Menschen einen Haushaltsroboter haben. Dies ist besonders für ein selbständiges Leben in den eigenen vier Wänden eine beeindruckende Perspektive. Eine älter werdende Gesellschaft führt tendenziell zu mehr pflegerisch-medizinischen Leistungen. Dennoch ist es uns bislang gelungen, die gesundheitsbezogene Gesamtausgaben als Anteil am Bruttoinlandsprodukt ziemlich stabil zu halten. Damit das in einem vertretbaren Rahmen bleibt, brauchen wir eine gute und effiziente Steuerung der Versorgung, in der Medizin aber auch zwischen Medizin und Pflege. Beispielsweise müssen wir die Finanzierung von Rehabilitation vor Pflege besser lösen. Schließlich ist Rehabilitation das Instrument zur Vermeidung der Pflegebedürftigkeit.

5. Kommunale Steuerung

Der demografischen Wandel wird vor Ort konkret. Die Kommunen brauchen mehr Kompetenzen bei der Gestaltung der medizinisch-pflegerischen Versorgung in ihrer Region. Sie müssen sich aber auch den damit verbundenen Aufgaben, wie der Verantwortung für Finanzierung und Steuerung kommunaler Versorgungszentren stellen. Insgesamt nehmen die regionalen Ungleichgewichte in Deutschland zu. Junge Menschen ziehen in die Städte, ländliche Regionen können den Anschluss verlieren. In den Städten droht eine Preisexplosion beim Wohnraum. Flächenausweitung und Nachverdichtung für mehr Wohnungen sind mögliche Antworten, aber oftmals wollen die städtischen Bürger diese Maßnahmen nicht. Die Durchsetzung dieser Maßnahmen diskutieren wir ausführlich auf diesem Kongress genauso wie sinnvolle Instrumente zu Stärkung des ländlichen Raumes.


Meine Damen und Herren: Sie sehen, die Gestaltungsaufgaben im demografischen Wandel sind vielschichtig. Wohnen, Gesundheit, Digitalisierung und kommunale Gestaltung müssen zusammenhängend betrachtet werden, sonst springen wir zu kurz. Der Demografiekongress ist der einzige Kongress in Deutschland, der diese Felder in einem Format betrachtet.


(es gilt das gesprochene Wort)