13. Demografiekongress: Nachhaltige demografische Entwicklung: Ökologie, Ökonomie und Soziales gehören zusammen

Krisen erschüttern die Welt und über allem schwebt der Klimawandel. Vorausschauendes und nachhaltiges Handeln ist mehr denn je gefragt. Doch ist die Menschheit dazu in der Lage? Auf dem Demografiekongress in Berlin diskutieren seit Donnerstag Experten über eine nachhaltige demografische Entwicklung.

Was passiert, wenn Menschen und Wildtiere aufgrund von Waldrodungen, Fleischproduktion und Ausbeutung der Natur immer näher zusammenrücken, erleben wir seit eineinhalb Jahren hautnah: Ein Virus ist vom Tier auf den Menschen übergesprungen und hat eine Pandemie ausgelöst, die bislang mehr als 4,5 Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Doch die weltweite Corona-Krise ist nur eine von vielen Krisen, mit denen die Menschheit aktuell konfrontiert ist. Die Weltbevölkerung ist seit 1950 von 2,5 Milliarden auf heute fast 8 Milliarden Menschen angestiegen und damit der Ressourcenverbrauch und der Hunger auf der Welt. Gleichzeitig steigt in westlichen Industrienationen wie Deutschland der Anteil der über 80-jährigen, während die Zahl der erwerbstätigen Fachkräfte sinkt. Über all dem schwebt der Klimawandel, der sich jetzt auch vor unserer Haustür bemerkbar macht: 48 Grad wurden im Sommer in Sizilien gemessen, dazu verheerende Waldbrände im Mittelmeerraum und Flutkatastrophen in mehreren deutschen Bundesländern mit etlichen Todesopfern. Obendrein zeigt die anhaltende Migrationsbewegung, dass die Welt aus den Fugen geraten ist.

One-Health-Ansatz unabdingbar

Der Demografiekongress setzt dieses Jahr darum seinen Schwerpunkt auf Demografie und Nachhaltigkeit. Dass beides untrennbar zusammenhängt, machte Kongresspräsident Ulf Fink gleich bei der Eröffnungsveranstaltung deutlich. Nachhaltigkeit, so Fink, sei Voraussetzung für eine gute demografische Entwicklung. Denn: „Gesunde Menschen gibt es nur in einer gesunden Umwelt“ sagte er. „Wir brauchen einen neuen Dreiklang aus Gesundheit der Menschen, der Tiere und intakter Umwelt.“ Nur eine konsequente Umsetzung dieses One-Health-Ansatzes könne die Gefahren aus globalen Gesundheitskrisen verhindern.

Einer, der seit Jahren für „One-Health“ kämpft, ist Detlev Ganten, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Charité und Gründer des World-Heath-Summit. Er vermag zwar die Mächtigen der Welt an einen Tisch zu bringen. Doch bis auf einzelne sehr engagierte Personen und Organisationen sei die internationale Zusammenarbeit eine Katastrophe. „Am Ende überwiegt der Egoismus, der Nationalismus und der politische Opportunismus“, sagte Ganten.

Versäumnisse sieht der Mediziner gleichfalls bei der Pandemie-Prävention, und zwar weltweit. Obwohl es ausgearbeitete Pandemiepläne gegeben habe, seien die „in den Schubladen verschwunden“, kritisierte Ganten. Dass die WHO nun ein Pandemie-Frühwarnsystem etablieren will und das auch noch in Berlin, sei gut und folgerichtig. „Das wird uns wesentlich voranbringen.“

Klimawandel ist eine globale Angelegenheit

Auf eine bessere internationale Zusammenarbeit setzt auch Klaus Töpfer, ehemaliger Bundesumweltminister und Gründungsdirektor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam. Deutschland wird seiner Ansicht nach durchaus in der Lage sein, die CO2-Emissionen mit Hilfe von innovativen Technologien wie Solar- und Windenergie, Climate-Engineering oder der Umwandlung von Biomasse in Wasserstoff drastisch zu reduzieren. Aber weltweit ist er vorsichtig. „Da sind nicht nur wir, das ist eine globale Angelegenheit“, sagte er.

Daten der internationalen Energieagentur zeigen: Die weltweite Stromnachfrage liegt aktuell fünf Prozent über dem Niveau vor Corona. Der Anstieg ist zu 90 Prozent auf China zurückzuführen, das den Strombedarf zu zwei Dritteln über Kohlestrom abdeckt.

Dabei ist China extrem vom Klimawandel betroffen. Genauso Afrika. Der Kontinent könne aber trotz seiner Bodenschätze wie Kohle und Gas von erneuerbaren Technologien, die in Deutschland entwickelt wurden, profitieren, meinte Töpfer, der von 1998 bis 2006 Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen in Nairobi war. „Wir können das anbieten und das sollten wir auch.“

Hoffnung für Afrika?

Afrika ist unterdessen die Region der Welt, wo die Bevölkerung am schnellsten wächst. Heute leben rund 1,3 Milliarden Menschen auf dem Kontinent, Prognosen gehen von einer knappen Verdopplung bis 2050 aus. Diese Menschen brauchen Arbeitsplätze und müssen ernährt werden. Hinzukommen eine steigende Lebenserwartung und der Klimawandel, der den Menschen Lebensraum und bewirtschaftbaren Boden raubt. „Ökologie, Ökonomie und Soziales gehören zusammen“, machte Töpfer in seinem Impulsvortrag deutlich. Das sei die „Trias der Nachhaltigkeit.“

Ob man sich nicht mehr mit dem Thema Geburtenkontrolle in den Ländern des globalen Südens beschäftigen müsse, wollte Moderator Franz Dormann von Rita Süßmuth wissen. Die ehemalige Bundestagspräsidentin und CDU-Politikern sieht hier vor allem internationale Organisationen in der Pflicht. So müssten etwa die Vereinten Nationen viel stärker mit Organisationen für Sexuelle und reproduktive Gesundheit (SRG) zusammenarbeiten als bisher. „Darin liegt meine größte Hoffnung für Afrika“, sagte Süßmuth. Da Nachhaltigkeit ein sehr breites und ressortübergreifendes Thema ist, forderte sie außerdem eine interdisziplinäre Zusammensetzung der Ausschüsse des Deutschen Bundestags. „Das müssen wir in der neuen Legislaturperiode unbedingt verändern.“

Marktentwicklung mit harter Gesetzgebung

Marlehn Thieme, Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe, sitzt im Rat für Nachhaltigkeit der Bundesregierung. Gerade hat der Rat 20 Kriterien für nachhaltiges Wirtschaften erarbeitet. Die Ziele des Programms fasste Thieme so zusammen: Marktentwicklung mit harter Gesetzgebung und staatlichen Vorgaben – so wie in der sozialen Marktwirtschaft. Zur Umsetzung sagte sie: „Ich mahne zur Eile.“

Inwieweit auch der Gesundheitssektor etwa in die geplante CO2-Bepreisung einbezogen werden soll, sagte Thieme nicht. Diese Frage ist aber relevant, da Leistungsanbieter die Kostensteigerungen nicht einfach über Preiserhöhungen wieder hereinholen können. „Die Sozialbranche steht seit Jahren unter einem hohen Kostendruck“, gab Karsten Honsel, Hauptgeschäftsführer der Alexianer GmbH, zu bedenken. Steigende Energiepreise spielten dabei eine wesentliche Rolle.

Nach seiner Auskunft hat sich die Alexianer Klinikgruppe schon seit längerem auf nachhaltiges Wirtschaften eingestellt, betreibt eigene Blockkraftwerke, ersetzt Einweg zunehmend durch Mehrwegprodukte und so weiter. Das Bündel an praktischen Maßnahmen sei bisher immer mit ökonomischen Einsparungen verbunden gewesen. „Jetzt sind wir an einem Punkt, wo Nachhaltigkeit immer mehr zur strategischen Ausrichtung wird“, sagte Honsel. Warum? „Nachhaltigkeit ist auch im Kampf um neue Arbeitskräfte inzwischen ein wichtiges Thema geworden.“

Gerhard Schick hat 20 Jahre lang für das Bündnis90/ Die Grünen Klimapolitik gemacht und klingt ernüchtert: „Wir sind gescheitert“, resümierte er. Heute leitet er die Bürgerbewegung Finanzenwende, „weil die Finanzmärkte extrem instabil sind und laufend neue Krisen produzieren.“ Zudem würde das Finanzsystem von anderen Krisen mitgerissen, sagte Schick „so wie zu Beginn Corona-Pandemie.“

Krisen sind die neue Normalität

Banken würden aber immer staatlich gerettet – bis zur nächsten Pleite. „Nur beim Klima können wir uns keinen zweiten Crash erlauben“, mahnte Schick. Er glaubt, dass Krisen zur neuen Normalität gehören und die eine beginnt, wenn die andere noch nicht zu Ende ist. Ein Blick auf die letzten 16 Jahre untermauert die Prognose: Merkels Amtszeit ist zu 50 Prozent reines Krisenmanagement gewesen (Finanzkrise, Migrationskrise, Coronakrise). „Nur: auf Krisenpolitik ist niemand vorbereitet“, kritisierte Schick. „Da wurden Dinge entschieden, die der Bundestag nicht wollte.

“Bei allen gewaltigen Problemen und düsteren Aussichten: Krisen bieten auch die Chance, aus ihnen zu lernen und sich besser auf die nächste vorzubereiten. „Wir alle sitzen hier, weil wir etwas verändern wollen“, sagte Detlev Ganten in seinem Schlusswort, und er zitierte den Philosophen Karl Popper mit den Worten: „Wir haben die Pflicht zum Optimismus.“

 

 

Eröffnungsrede Demografiekongress 2021

Ulf Fink, Senator a.D., am 23.9.2021


Sehr geehrte Damen und Herren,

Sehr geehrte Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zum 13. Demografiekongress. Wir sind froh, in diesem Jahr den Kongress wieder als Präsenzveranstaltung – nach den 3G-Regeln – durchführen zu können.

Nach wie vor kämpfen wir gegen die Corona-Pandemie. Im Vergleich zum letzten Jahr stehen uns aber mit Impfstoffen wirksame Instrumente zur Immunisierung der Bevölkerung zur Verfügung. Es ist ein Wunder, dass es vor allem auch in Deutschland gelungen ist, in so kurzer Zeit Impfstoffe zu entwickeln und mit der m-RNA Technologie eine gänzlich neue Impfstoffklasse zugelassen wurde. Die m-RNA-Technologie ist ein transformativer Ansatz in der Medizin und kann auch jenseits der Impfstoffentwicklung – etwa in der Bekämpfung von Krebs- und Immunerkrankungen – Großes leisten.

In den letzten zwei Jahrzehnten haben Erreger, die von Tieren auf Menschen überspringen können, weltweit deutlich zugenommen. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie bald Generaldirektor der UN-Organisation für industrielle Entwicklung, schätzt, dass jedes Jahr 2,7 Millionen Menschen weltweit an den Folgen von Infektionskrankheiten sterben, die durch Zoonosen ausgelöst werden. Diese Entwicklung hat ursächlich mit unserem Lebensstil zu tun. Die Biodiversität der Erde wird zerstört; immer mehr Arten und damit genetische Schranken, die den Menschen schützen, gehen verloren. Die Rodung der Wälder – zur Steigerung der Fleischproduktion infolge des Anbaus von Soja – führt Menschen und Wildtiere immer näher zusammen.

Im Jahre 1950 lebten auf der Erde rund 2,5 Milliarden Menschen, jetzt sind es rund acht Milliarden Menschen. Durch diese demografische Entwicklung ist der weltweite Ressourcenverbrauch enorm gestiegen. Entscheidend ist: Wenn alle Menschen so leben wollen wie in den westlichen Industrienationen, kann die weltweite demografische Entwicklung nie nachhaltig sein.

Nachhaltigkeit ist aber auch Voraussetzung für eine gute demografische Entwicklung. Die bisherige Annahme, wir leben in den Industrienationen im Durchschnitt immer länger und gesund, wird durch die Corona-Krise in Frage gestellt. In den USA sank die Lebenserwartung beispielsweise um eineinhalb Jahre. Es ist der stärkste Rückgang seit dem zweiten Weltkrieg. Auch wenn noch andere Faktoren – wie die Opioidkrise in den USA – eine Rolle spielen, so zeigen diese Daten eindringlich unsere Verwundbarkeit auf Grund globaler Gesundheitsrisiken.

Nachhaltigkeit und Demografie sowie Demografie und Nachhaltigkeit sind untrennbar miteinander verbunden. Wir wollen dem Rechnung tragen, indem wir diese Themen noch stärker im Rahmen dieses Kongresses erörtern.

Meine Damen und Herren: Demografie steht in diesem Konzept für alle Aspekte der Gesundheit und Gesunderhaltung der Menschen – vor allem der älteren und verletzlichen Menschen. Wir müssen uns als Staat und Gemeinwesen – dies ist eine zentrale Lehre aus der Pandemie – besser gegen globale Gesundheitsrisiken wappnen. Wir haben beispielsweise sehr auf staatliche Fähigkeiten zur Bewältigung der Corona-Pandemie gesetzt. Meines Erachtens ist eine zentrale Schlussfolgerung, dass wir unternehmerische Expertise nutzen und etwa in Taskforces einbinden.

Eine weitere, sehr wichtige Schlussfolgerung aus der Pandemie, ist die Stärkung der Prävention. Hygienekonzepte für Schulen und Betriebe, digitalisierter Schulunterricht oder eine bessere Aufklärung der Bevölkerung durch verbesserte Krisenkommunikation müssen vorbereitet und eingeübt werden sowie im Bedarfsfall schnell verfügbar sein.

Meine Damen und Herren: Wir brauchen einen neuen Dreiklang aus Gesundheit der Menschen, der Tiere und intakter Umwelt. Nur eine konsequente Umsetzung dieses One-Health-Ansatzes vermindert die Gefahren aus globalen Gesundheitskrisen. Das Gesundheitssystem ist unsere „last-line of-Defence“. Wir müssen viel früher ansetzen! Gesunde Menschen gibt es nur in einer gesunden Umwelt. Nachhaltigkeit des Lebens, des Arbeitens und des Wirtschaftens muss der neue Standard werden. Jeder kann auch durch sein individuelles Verhalten positive Beiträge generieren.

Unsere Aufgabe in Deutschland ist es, mittels Innovationen, besserer Krisenprävention und effizienter sowie bezahlbarer Gesundheitsversorgung aufzuzeigen, dass ein One-Health-Konzept in der Praxis funktioniert. Nur dann wird es auch für andere Länder attraktiv, diesen Weg einzuschlagen. Es kommt also sehr auf uns und unsere Fähigkeiten an. Unser Fokus bei diesem Kongress liegt deshalb auch auf Deutschland bzw. den deutschsprachigen Raum. Und Berlin wiederum ist der richtige Ort zur Diskussion dieser Themen: Hier sind die politischen Entscheider, maßgebliche Vertreter der Kassen und Leistungserbringer, aber auch viele Think-tanks und sogar das neue Pandemie-Frühwarnsystem der WHO zu Hause.

Ich freue mich sehr, dass wir zur Einführung in das gesamte Thema erneut den ausgewiesenen Experten, ehemaligen Bundesumweltminister und Gründungsdirektor des Instituts für transformative Nachhaltigkeitsforschung, Prof. Dr. Klaus Töpfer, gewinnen konnten. Lieber Klaus, sei herzlich willkommen.

Besonders bedanken möchte ich mich bei den Sponsoren des Kongresses, die uns erneut die Durchführung ermöglichen! Ich freue mich auf einen spannenden Kongress.



 

 

Ulf Fink, Senator a.D., eröffnet den 13. Demografiekongress