DER DEMOGRAFIEKONGRESS 2016

Dr. Thomas de Maizière, MdB, Bundesminister des Innern, eröffnet den Demografiekongress 2016

„Integrationspolitik ist auch Demografiepolitik“

Der Demografische Wandel fällt anders aus als erwartet; Flüchtlinge werden die demografischen Probleme des Landes nicht lösen; ältere Menschen profitieren von der Digitalisierung – diese und andere wichtige Erkenntnisse brachte der Demografiekongress 2016 am 1. und 2. September zu Tage.

Die Gesellschaft bekommt ein neues Gesicht, hieß es auf dem Demografiekongress im vergangenen Jahr. Gemeint waren die wachsende Zahl älterer Menschen und die schrumpfende Bevölkerung. Doch von Schrumpfung kann längst keine Rede mehr sein: Obwohl in Deutschland mehr Menschen sterben als Kinder geboren werden, wuchs die Bevölkerung laut statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr um 978 000 Personen auf 82,2 Millionen an. Das ist der höchste Bevölkerungszuwachs seit 1992. Hauptursache für den Zuwachs blieb wie schon in den Jahren zuvor die stark gestiegene Zuwanderung.

Integration von Flüchtlingen das A & O

Zu der Herausforderung des demografischen Wandels ist also eine weitere hinzugekommen: die Integration von Millionen Menschen, die vor Terror, Krieg und Armut fliehen und aus völlig unterschiedlichen Kulturen kommen. Der Demografiekongress 2016 stand deshalb auch im Zeichen der Flüchtlingskrise. Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière sprach das Thema gleich in seiner Eröffnungsrede an. Durch die hohe Zuwanderung und die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen sei der demografische Wandel anders ausgefallen als noch vor zehn Jahren erwartet, sagte er. Daher müsse man viele Szenarien durchdenken und auf alles vorbereitet sein.

Opens external link in new windowHier geht´s zur Rede von Bundesminister Dr. Thomas de Maizière

Eines stellte der Minister jedoch klar: „Wir nehmen keine Flüchtlinge auf, um unsere demografischen Probleme zu lösen, sondern aus Gründen des Völkerrechts und der Humanität.“ Auf Krieg, Flucht und Vertreibung dürfe man keine Demografiepolitik aufbauen. Darum sei auch die Aufnahme von Flüchtlingen kein Bestandteil der aktiven Demografiepolitik der Bundesregierung, so de Maizière. Gleichwohl gebe es viele Berührungspunkte. „Wie sich Wachstum und Wohlstand im Land entwickeln, hängt davon ab, wie Integration gelingt“, sagte der Minister. Somit sei Integrationspolitik auch Demografiepolitik.

Flüchtlinge können aus seiner Sicht die demografischen Probleme auch nicht lösen, allenfalls langfristig und punktuell. Diese Ansicht teilten zahlreiche andere Experten auf dem Demografiekongress, etwa Dr. Gerd Landesberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. „Der demografische Wandel ist unumkehrbar, Flüchtlinge können ihn höchstens etwas abfedern“, sagte er. Rudolf Kast vom Beratungsunternehmen „Die Personalmanufaktur“ sah das genauso. Lediglich 10 bis 15 Prozent der Kriegsflüchtlinge seien derzeit für den deutschen Arbeitsmarkt qualifiziert. Für alle anderen müsse man in langandauernde Fortbildung in Sprache und Fachkenntnisse investieren.

Bis aus Flüchtlingen die dringend benötigten Fachkräfte werden, müssen sich die Unternehmen also andere Lösungen überlegen. Eine naheliegende ist die, ältere Arbeitnehmer länger im Betrieb zu halten. Deshalb ist neben der betrieblichen Gesundheitsförderung auch Ideenreichtum der Unternehmer gefragt. „Viele Unternehmen nutzen schon die Kapazitäten und Kompetenzen älterer Beschäftigter, die außer in körperlich sehr anstrengenden Tätigkeiten ihre Leistungspotenziale noch entfalten können“, sagte Personalberater Kast. Firmen wie die Telekom, die Otto-Group oder Bosch holten zum Beispiel berentete Mitarbeiter ins Arbeitsleben zurück „als Wissensvermittler in ihren ehemaligen Aufgaben oder in Projekten als unverzichtbare Erfahrungsträger auf Zeit.“ Andere böten Mitarbeitern ab 60 Teilzeitmodelle an. „Auch hier ist das Ziel, älteren schwer ersetzbaren Fachkräften Anreize zu geben, länger zu arbeiten“, so Kast. Der Schlüssel liege in der Schaffung von flexiblen Arbeitszeitmodellen.

Über zwei Millionen altersgerechte Wohnungen fehlen

Fachkräftemangel ist ein Aspekt des demografischen Wandels, das Wohnen ein anderer. 400.000 neue Wohnungen müssten eigentlich jedes Jahr gebaut werden, um den Wohnungsnotstand insgesamt aufzufangen. Im letzten Jahr waren es aber nur knapp 250.000. Besonders bezahlbarer und barrierarmer Wohnraum fehlen. Allein der Bedarf an altersgerechten Wohnungen wird auf rund drei Millionen beziffert, dem lediglich 700.000 entsprechende Wohnungen gegenüberstehen. „Das sind weniger als zwei Prozent des gesamten Wohnungsbestandes“, erklärte Bundesbauministerin Barbara Hendricks auf dem Demografiekongress. Sie versprach, sich weiter für staatliche Förderung einzusetzen, damit etwa das KfW-Programm „Altersgerechtes Umbauen“ fortgesetzt werden könne.
Seit 2009 hat der Bund mehr als 350 Millionen Euro für den altersgerechten Umbau bereitgestellt, in Form zinsverbilligter Darlehen und von Zuschüssen. Damit wurden fast 250.000 Wohnungen altersgerecht saniert. „Die Mittel des KfW-Programms sind bereits vorzeitig ausgeschöpft worden, was den hohen Förderbedarf zeigt“, so Hendricks.

Altersgerechte Wohnungen sind bei wachsender Pflegebedürftigkeit jedoch nur ein Teil der Lösung. Noch werden zwei Drittel aller Pflegebedürftigen von Angehörigen gepflegt. Da es aber immer weniger Kinder gibt und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt – von derzeit 2,5 Millionen auf voraussichtlich 3,5 Millionen im Jahr 2030 – bröckelt das Generationenmodell. Bis vor einigen Jahren seien Versorgungslücken durch den Bau von Altenheimen geschlossen worden, heute rückten Begriffe wie Quartier oder Nachbarschaft in den Vordergrund, meinte Prof. Bertram Häussler vom IGES-Institut. „Die entscheidende Aufgabe, die sich jetzt stellt ist, Familienbeziehungen auf die Nachbarschaft zu übertragen“, sagte er. Einfach werde das nicht, doch was wäre die Alternative? Vor allem die Kommunen seien jetzt gefordert, eben nicht nur Wohnraum zu schaffen, „sondern auch das Zusammenleben der Generationen darin zu fördern.“

Fehlende Familien werden durch Nachbarschaft ersetzt

Vielerorts wird der Quartiersgedanke schon umgesetzt. Oft vernetzen sich Gemeinden mit kirchlichen Trägern, Pflegediensten und anderen Service-Erbringern, damit ältere und pflegebedürftige Menschen in ihrem gewohnten Umfeld wohnen bleiben können.  Beispiele sind das „Demografie-Projekt Havelland“ oder das Modellprojekt „Fachstellen Altern und Pflege im Quartier“ in Brandenburg. Andere Kommunen setzen auf Mehrgenerationenhäuser mit dem Ziel der gegenseitigen Hilfe.

Manchmal geht die Initiative auch von Privatpersonen oder Wohnungsbaugesellschaften aus. Das Ehepaar Hönscheid-Gross aus Bonn hat vor einigen Jahren die Mehrgenerationen-Wohngenossenschaften Amaryllis eG und die Villa Emma eG gegründet, um Jung und Alt unter ein Dach zu bringen. Heute seien aus Nachbarn Freunde geworden, berichtete Gründer Gerd Hönscheid-Gross. „Junge Eltern bekommen mehr Spielraum und unterstützen die Älteren“, sagte er. Bei starker Pflegebedürftigkeit stoße das Modell allerdings an seine Grenzen. Darum werde jetzt ein weiteres Mehrgenerationen-Gebäude mit einer integrierten Wohn-Pflege-Gemeinschaft mit 24-Stunden-Betreuung geplant.

Auf gegenseitige Hilfe setzt auch das „WohnAktiv“-Haus in der Reinickendorfer Zobelitzstraße in Berlin. Das kommunale Wohnungsbauunternehmen Gewobag bietet hier über 60-Jährigen barrierarme Wohnungen zu bezahlbaren Mietpreisen an. Allerdings nur unter einer Bedingung: „Unser Mieter müssen sich aktiv in die Gemeinschaft einbringen“, sagte Geschäftsführerin Kerstin Kirsch. Dafür bekämen sie die Chance, sich ein großes Stück Lebensqualität und Selbstbestimmung zu bewahren.

Digitalisierung bringt älteren Menschen viele Vorteile ins Haus

All diese Modellprojekte haben das Ziel, das soziale Miteinander zu fördern. Last but not least profitieren insbesondre alternde Singles davon. Aber auch die Digitalisierung kann einen Beitrag zur Lebensqualität im Alter leisten, war auf dem Demografiekongress in vielen Foren zu hören. Ein Verfechter dieser These war Dr. Markus Müschenich. Der Vorstand des Bundesverbandes Internetmedizin bezeichnete die Digitale Medizin als Errungenschaft des 21. Jahrhunderts. Darunter fasst er Dinge wie Telemedizin, Videosprechstunden, Apps, die an die Medikamenteneinnahme erinnern, digitale Diabetes-Management-Plattformen oder die Apple Watch mit ihrer Notfallfunktion zusammen. „Die Digitalisierung im Gesundheitswesen gibt gerade der älteren Generation die Möglichkeit, die eigene Lebensqualität erheblich zu verbessern und ihren Alltag möglichst lange selbstbestimmt zu verbringen“, erklärte Müschenich. Da heute bereits jeder zweite über 50-Jährige aktiver Onliner sei, ließen sich die Vorurteile zur digitalen Inkompetenz dieser Altersgruppe nicht mehr halten.

Viel Potenzial sehen Experten auch in technischen Unterstützungssystemen wie dem tragbaren Sturzmelder oder eben auch Skype & Co für die Kommunikation mit Bekannten und Verwandten. „Die Digitalisierung wird das Leben maßgeblich verändern“, war sich Dr. Landsberg sicher, „da stehen wir aber erst ganz am Anfang einer vielversprechenden Entwicklung.“

Fazit: Aus dem Wandel eine Chance machen

Kongresspräsident Ulf Fink zog nach zwei vollgepackten Kongresstagen eine erste Bilanz: Die Herausforderungen seien seit dem ersten Demografiekongress im Jahr 2010 keinesfalls kleiner geworden, betonte er, andererseits sei auch vieles ins Rollen gekommen. „Wir können beobachten, wie aus der einen oder anderen vagen Idee mittlerweile handfeste Projekte geworden sind. Das zeigt, dass die ‚Lernwerkstatt Demografiekongress‘ Früchte trägt, und wir gemeinsam aus dem demografischen Wandel durchaus eine Chance machen können.“



Redaktion
Beatrice Hamberger

Verantwortlich
Dr. Franz Dormann
Geschäftsführer Gesundheitsstadt Berlin GmbH